Bahnbrechende Studien als zweite Chance für kurzkettige Fettsäuren

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An Wirkstoffen, die sich nicht oder nur eingeschränkt patentieren lassen, hat die Pharmaindustrie kaum Interesse. Kurzkettige Fettsäuren stehen beispielhaft dafür: Erst Jahrzehnte, nach denen es erste positive Forschungsergebnisse gab, rücken diese erneut in den Fokus.
Es ist eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet: Die großen Pharmariesen geben inzwischen weit mehr Geld aus für die Vermarktung von Arzneimitteln als für Forschung und Entwicklung neuer Medikamente und Therapien. Auch in der Bundesrepublik wachsen die Werbetöpfe der Medikamentenbranche unaufhörlich. Geforscht wird vor allem an Arzneien, die sich später auch schützen lassen – und mit denen kräftig Geld verdient wird. Studien mit Wirkstoffen, bei denen kein Patent winkt, haben es dagegen schwer, sich durchzusetzen. Bestes Exempel: Kurzkettige Fettsäuren, die unter anderem MS-Patienten, Diabetikern und Morbus-Crohn-Erkrankten helfen könnten.

Für jeden Euro, der in die Forschung fließt, investieren die großen Konzerne zwei Euro in die Werbung: Bei GlaxoSmithKline, haben die US-Marktforscher von Global Data ausgerechnet, flossen zuletzt beispielsweise rund 10 Milliarden Dollar in die Werbung, mit rund 5,3 Milliarden Dollar aber nur die Hälfte dieser Summe in die Forschung. Bei Novartis, Pfizer oder auch Sanofi ergibt sich ein ähnliches Bild.

Deutsche Pharmabranche: Werbe-Investments 
wie alle Lebensmittelkonzerne zusammen
Auch in Deutschland sind die Ausgaben für Arzneimittelwerbung in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen: Die Pharmabranche rückte in der Hitliste der Branchen mit den höchsten Marketingausgaben in den vergangenen Jahren in die Top 5 vor – und stieg allein von 2016 auf 2017 um rund 13 Prozent auf knapp 1,4 Milliarden Euro. Das ist etwa genau so viel, wie alle Lebensmittelkonzerne gemeinsam in Werbung investierten. „Möglichst auf Forschung und Entwicklung verzichten und, so weit es geht, die Preise anziehen“, resümierte die Wochenzeitung ZEIT im Jahr 2016 zu einem schlagzeilenträchtigen Fall in den USA: Der ehemalige Hedgefonds-Spekulant Martin Shkreli hatte dort über Nacht die Preise eines lebenswichtigen und für viele Betroffene alternativlosen Medikaments über Nacht um mehr als 5.000 Prozent angehoben.
Möglich sind solche Eskapaden natürlich nur mit Wirkstoffen, die sich patentieren lassen, also geschützt sind. Und hier beginnt das Dilemma der Branche: Wirkstoffe, die zwar dem Menschen helfen, mit denen sich aber nicht das große Geld verdienen lässt, sind für die börsennotierten Konzerne uninteressant.
Drei Jahrzehnte ohne Forschung trotz hoffnungsvoller Studien
Gut zeigen lässt sich das an den so genannten kurzkettigen Fettsäuren: Bereits in den 1980-er und 1990-er Jahren begannen Wissenschaftler damit, die Auswirkungen der in der Darmflora des Menschen vorkommenden Fettsäuren Essigsäure, Buttersäure und Propionsäure zu erforschen.
Sie gelangten zu erstaunlichen Ergebnissen: Kurzkettige Fettsäuren hatten einen positiven Einfluss auf den Fett- und Zuckerstoffwechsel des Organismus. Sie halfen in Experimenten den Cholesterinspiegel zu senken, das Sättigungsgefühl zu verlängern, den Appetit insgesamt zu reduzieren oder auch die eigene Körperabwehr besser auszubalancieren. Eigentlich sensationelle Ergebnisse: Doch nach Abschluss der Forschungsarbeiten geschah erst einmal Jahrzehnte nichts.
Die Ursache dafür liegt auf der Hand: Beispielsweise ist Natriumpropionat, das Salz der Propionsäure, mit dem die Wissenschaftler seinerzeit arbeiteten, seit Jahrzehnten etabliertes Konservierungsmittel in Brot oder beispielsweise Käse. Der Wirkstoff, auf dem die Hoffnungen vieler Patienten ruhten, war und ist nicht oder nur eingeschränkt patentierbar. Denn mögliche Anwendungen, über die bereits publiziert wurde, sind nicht mehr schützbar. Für die großen Pharmakonzerne war Propionat daher uninteressant als Profitbringer. Beim Butyrat, dem Salz der Buttersäure, war es ähnlich: Vielversprechende Ansätze zur Behandlung von Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa verschwanden trotz guter Erfolge wieder.
Neueste Forschung macht vielen Patienten Hoffnung
Erst mit der Erforschung der menschlichen Darmflora insgesamt rückten die kurzkettigen Fettsäuren wieder stärker in den Mittelpunkt: durch öffentliche Forschungsarbeiten wie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung oder an der Ruhr-Universität Bochum. Vielen Erkrankten machen diese Ergebnisse Hoffnung: Kurzkettige Fettsäuren könnten demnach helfen, Diabetes vorzubeugen oder zu lindern (Rutgers University in New Brunswick und Jiao Tong Universität in Shanghai), Knochen zu stärken und Gelenkentzündungen zu lindern (Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg) oder auch die Infektanfälligkeit im Alter zu reduzieren (Hochschule Neubrandenburg). Erste Forschungsergebnisse legen auch nahe, dass kurzkettige Fettsäuren helfen, den Verlauf von Autoimmunkrankheiten wie zum Beispiel Multipler Sklerose zu beeinflussen (unter anderem Ruhr-Universität Bochum).
Mittlerweile gibt es viele Belege dafür, dass kurzkettige Fettsäuren für die Darmgesundheit und den menschlichen Organismus eine entscheidende Rolle spielen – und viele Deutsche zu wenig von ihnen aufnehmen. Der Grund dafür: Die Produktion kurzkettiger Fettsäuren im Darm, die bestimmten guten Darmbakterien als Nahrung dienen, hängt direkt mit der Aufnahme von Ballaststoffen aus Pflanzenfasern zusammen. Gerade in vielen westlichen Ländern ist es um die Vielfalt der Darmbakterien schlecht bestellt, weil die Nahrung viel zu wenige pflanzliche Ballaststoffe enthält. Nur wenige Menschen schaffen hierzulande die von Ernährungsexperten empfohlene Menge von 30 Gramm pro Tag.
Familienunternehmen aus Westfalen als Partner der forschenden Hochschulen
An verschiedenen Universitäten im In- und Ausland laufen derzeit Forschungsprojekte, die untersuchen, ob es neben der oft schwer umzusetzenden kompletten Ernährungsumstellung noch einen zweiten Weg gibt, die Bakterienvielfalt im Darm zu fördern. Forscher des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke haben in diesem Jahr nachgewiesen, dass die Zufuhr von Salzen kurzkettiger Fettsäuren – im konkreten Fall Propionate als Salze der Propionsäure – ähnlich positive Effekte hat wie der Verzehr von Pflanzenfasern. Das könnte künftig völlig neue Möglichkeiten für eine gesündere Ernährung eröffnen. Verwendet wurde medizinisch hochreines Propionat, das in Deutschland unter dem Handelsnamen Propicum erhältlich ist. Hergestellt wird es – wenig überraschend – übrigens nicht von einem der großen Pharmagiganten, sondern von einem mittelständischen Familienunternehmen aus dem Ruhrgebiet.
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